In China vermeiden Millionen Menschen das Ausreißen ihrer weißen Haare – nicht aus Eitelkeit, sondern aus einer tief verwurzelten Angst: dass das Zupfen einer grauen Strähne dazu führt, dass mehrere an ihrer Stelle nachwachsen. Dieser Glaube, der über Generationen weitergegeben wurde, hat eine einfache Pflegegewohnheit zu einem kulturellen Tabu gemacht.
Der Aberglaube, der einfach nicht verschwinden will
Die Vorstellung, dass das Ausreißen eines weißen Haares es vermehrt, ist in ganz China verbreitet. Viele ältere Erwachsene warnen jüngere Familienmitglieder davor, graue Haare auszureißen, und bestehen darauf, dass der Haarfollikel sich rächt, indem er zwei oder drei weiße Haare statt einem produziert. Dermatologen sagen, dass dies biologisch unmöglich ist. Jeder Haarfollikel kann nur ein einzelnes Haar wachsen lassen, und das Ausreißen hat keinen Einfluss auf benachbarte Follikel. Aber der Volksglaube hält sich, verstärkt durch die Tatsache, dass Haare mit der Zeit auf natürliche Weise in Büscheln ergrauen, was den Eindruck erweckt, als hätte das Ausreißen die Ausbreitung verursacht.
Traditionelle Mittel gegen graue Haare
Statt das Risiko des Ausreißens einzugehen, greifen viele Chinesen auf traditionelle Mittel zurück, um das Ergrauen zu verlangsamen oder umzukehren. Schwarze Sesamsamen sind eine beliebte Wahl, oft täglich gegessen oder zu Brei gemahlen. Manche kochen chinesische Yamswurzel oder die Knolle des Vielknotigen Knöterichs, bekannt als He Shou Wu, zu Suppen oder Tees. Diese Zutaten sollen die Nieren und die Leber nähren, die in der traditionellen chinesischen Medizin mit der Haargesundheit in Verbindung gebracht werden. In manchen Haushalten reiben Eltern Ingwerscheiben auf die Kopfhaut ihrer Kinder, in der Hoffnung, frühes Ergrauen zu verdunkeln. Andere massieren die Kopfhaut mit Reiswasser oder verwenden fermentierte Teespülungen.
Woher der Glaube kommt und wer ihm noch folgt
Das Tabu ist besonders stark unter älteren Generationen in ländlichen Gebieten und kleineren Städten, taucht aber auch in städtischen Familien auf. Großeltern schimpfen oft mit jüngeren Verwandten, die Haare ausreißen, und die Warnung wird in lockeren Gesprächen und Online-Foren wiederholt. Die Angst ist nicht auf China beschränkt. Ähnlicher Aberglaube existiert in Teilen Südostasiens und in Diaspora-Gemeinschaften weltweit. Für viele geht es bei dem Glauben weniger um Wissenschaft als um Respekt vor der Tradition und der Weisheit der Älteren.
Graue Haare sind ein natürlicher Teil des Alterns, aber in China tragen sie ein kulturelles Gewicht, das keine Pinzette leicht entfernen kann. Ob der Volksglaube einer Überprüfung standhält oder nicht, die Praxis, weiße Haare in Ruhe zu lassen, prägt weiterhin den Alltag im ganzen Land.