Mehr als 1.000 Korallenriffe, von denen niemand wusste, wurden vor der Küste Nordaustraliens entdeckt – direkt vor aller Augen. Wissenschaftler kartierten sie, indem sie Hunderte Satellitenbilder übereinanderlegten und so eine riesige Unterwasserlandschaft sichtbar machten, die konventionellen Vermessungen verborgen geblieben war.
Die Entdeckung gelang im Golf von Carpentaria, einer abgelegenen und flachen Meeresregion, die von Meeresforschern lange übersehen wurde. Das Gebiet ist wegen seiner trüben Gewässer, starken Gezeiten und schlammigen Meeresbodens schwer mit dem Boot zu untersuchen. Jahrelang nahmen Wissenschaftler an, dass es dort kaum Korallen gibt.
Wie Satelliten-Spürsinn ein verstecktes Riffsystem enthüllte
Forscher des Australian Institute of Marine Science (AIMS) leiteten die Bemühungen. Sie kombinierten mehrere Satellitenbilder derselben Orte, die zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen wurden, um Spiegelungen, Wolkenbedeckung und Verzerrungen durch die Wasseroberfläche auszugleichen. Die Technik ermöglichte es ihnen, durch die Wassersäule zu sehen und Riffstrukturen auf dem Meeresboden zu erkennen.
Das Team identifizierte 1.077 einzelne Riffmerkmale im gesamten Golf. Viele davon sind kleine, verstreute Flecken und keine großen Barriereriffe. Aber zusammen bilden sie ein bedeutendes und bisher nicht dokumentiertes Korallenökosystem. Die Riffe reichen in der Größe von wenigen Metern bis zu mehreren Kilometern Durchmesser.
Warum lokale Gemeinschaften und Wissenschaftler aufmerken
Für die Menschen an der Küste Nordaustraliens verändert der Fund, was sie über die Gewässer vor ihrer Haustür wissen. Der Golf von Carpentaria versorgt Fischereigemeinden und ist kulturell wichtig für indigene Gruppen. Zu wissen, dass es dort Korallenriffe gibt, könnte beeinflussen, wie das Gebiet verwaltet und geschützt wird.
Auch Wissenschaftler sind interessiert, weil der Golf eine dynamische Umgebung ist. Er erlebt extreme Temperaturschwankungen, starken Sedimenteintrag aus Flüssen und regelmäßige Zyklone. Die Tatsache, dass Korallen unter diesen Bedingungen überlebt und sogar gediehen sind, deutet darauf hin, dass sie widerstandsfähiger sein könnten als bisher angenommen. Das könnte Hinweise darauf geben, wie andere Riffe mit einem sich ändernden Klima zurechtkommen.
Das Kartierungsprojekt läuft noch. Die Forscher planen, die Satellitendaten vor Ort zu überprüfen, indem sie Taucher und Unterwasserkameras einsetzen, um zu bestätigen, was die Bilder zeigen. Sie hoffen auch, herauszufinden, welche Korallenarten dort leben und ob die Riffe gesund oder geschädigt sind.
Diese Entdeckung schreibt die Geschichte des Great Barrier Reef, das östlich liegt, nicht neu. Aber sie erweitert die bekannte Korallengeographie Australiens um einen bedeutenden Betrag. Der Golf von Carpentaria, lange als weißer Fleck auf der Meereslandkarte betrachtet, hat jetzt Tausende neuer Merkmale, die darauf warten, erkundet zu werden.