Die kleine blaue Pille, die vor allem zur Behandlung von Erektionsstörungen bekannt ist, könnte einen neuen, weitaus ernsteren Job bekommen: Krebs im Keim zu stoppen. Forscher in den USA haben herausgefunden, dass Sildenafil, der Wirkstoff in Viagra, offenbar die Ausbreitung von Krebszellen behindert – ein Prozess, der als Metastasierung bekannt ist.
Wie ein Sexmedikament die Fluchtroute von Krebs blockieren könnte
Wissenschaftler des University of Texas Health Science Center at Houston und des University of Texas MD Anderson Cancer Center führten die Studie durch. Sie konzentrierten sich darauf, wie Krebszellen durch den Körper wandern. Wenn Tumore wachsen, setzen sie Zellen frei, die über den Blutkreislauf reisen, um anderswo neue Tumore zu bilden. Dieser Prozess macht Krebs tödlich.
Das Team entdeckte, dass Sildenafil ein Protein namens CD44 stört, das Krebszellen nutzen, um sich an Blutgefäßwände zu heften und in neues Gewebe zu quetschen. Indem das Medikament diesen Halt blockiert, könnte es verhindern, dass Krebszellen den Blutkreislauf verlassen und sich in neuen Organen ansiedeln. Die Ergebnisse wurden im Journal Cell Reports Medicine veröffentlicht.
Tests an Mäusen und menschlichem Gewebe zeigen echte Effekte
Die Forscher testeten Sildenafil an Mäusen mit Brustkrebs und Melanom. Sie fanden heraus, dass das Medikament die Anzahl der metastatischen Tumore in der Lunge reduzierte. In Laborexperimenten mit menschlichen Gewebeproben senkte Sildenafil ebenfalls die Fähigkeit von Krebszellen, gesundes Gewebe zu befallen.
Wichtig ist, dass die in der Studie verwendeten Dosen mit denen vergleichbar waren, die Menschen gegen Erektionsstörungen einnehmen. Das bedeutet, dass das Medikament in diesen Mengen bereits als sicher gilt. Die Forscher betonten, dass Sildenafil kein Heilmittel gegen Krebs ist und bestehende Tumore nicht schrumpft. Sein Potenzial liegt darin, die Ausbreitung zu stoppen, was den Patienten mehr Zeit verschaffen und andere Behandlungen wirksamer machen könnte.
Warum das für Menschen mit Krebs wichtig ist
Für Patienten und ihre Familien ist die Möglichkeit, ein vorhandenes, günstiges Medikament zur Verlangsamung von Metastasen zu nutzen, bedeutend. Metastasen sind für etwa 90 Prozent der Krebstodesfälle verantwortlich. Wenn ein bereits zugelassenes Medikament dabei helfen kann, dies zu verhindern, könnte es die Art und Weise ändern, wie Ärzte die Behandlung angehen.
Die Forscher planen, zu klinischen Studien am Menschen überzugehen. Sie warnen jedoch davor, dass Menschen nicht eigenständig Viagra einnehmen sollten, um Krebs zu bekämpfen. Aber die Studie öffnet eine Tür, um ein bekanntes Medikament für einen völlig neuen Zweck umzunutzen.
Ein Medikament, das seit Jahrzehnten in Medizinschränken liegt, könnte sich als zweites Leben im Kampf gegen eine der tödlichsten Krankheiten der Welt erweisen.